Credo in US


"Credo in US" zeigt die produktive Seite der USA als höchst inspirierendes Land für politische wie künstlerische Freigeister.


Programm:


John Cage (1912-1992): Credo in US (1942) für Klavier, 2 Schlagzeuger und Plattenspieler


Andrew Digby (*1967) / Stefan Wolpe (1902-1972): Melische Verbindungen (2008) aus "Music for Any Instruments" (1945-50)

Conlon Nancarrow (1912-1997): Studies 10, 6 und 14 for Player Piano
Arrangements für ascolta von Hubert Steiner

Christian Wolff (*1934): Exercise 14 (1973/74)

Steve Reich (*1936): Electric Counterpoint für Gitarre und Tonband

Kurt Weill (1900-1950): Three Broadway Songs
My Ship, from Lady in the Dark
This new, from
Lady in the Dark
September Song, from
Knickerbocker Holiday
Arrangements für ascolta von Andrew Digby


Das rätselhafte, hymnische, sarkastische und naive "Credo in US" von John Cage ist Ausgangspunkt und Namensgeber des Programms. In diesem 1942 für die Tänzer Merce Cunningham und Jean Erdmann entstandenen Werk sind bereits der medienkritische Aspekt sowie das Verhältnis Cages zu Werken der Tradition thematisiert.
Cage fügt der Partitur des Schlagzeugensembles, für das er gedämpfte Gongs, Blechdosen, Tomtoms, einen elektrischen Summer und präpariertes Klavier vorschreibt, Klänge von Schallplatte oder Radio hinzu. Die Anweisung für den Schallplattenspieler lautet: "if phonograph, use some classic: e.g. Dvorak, Beethoven, Sibelius or Shostakovich".
Im Jahre 1966 äusserte sich John Cage in einem (Radio-) Gespräch mit Morton Feldman zur Allgegenwärtigkeit von Radio- bzw. Schallplattenklängen: „Du weisst ja, wie ich mich an dieses Problem, dass es Radios um mich herum gibt, gewöhnt habe. So wie die primitiven Völker sich an die Tiere, die ihnen Angst machen, gewöhnt haben, und die sie, wie du sagst, belästigt haben. Sie zeichneten Bilder von ihnen auf ihre Höhlenwände. Und so habe ich einfach ein Stück mit Radios gemacht. Wenn ich jetzt Radios höre, sogar nur ein einziges, nicht gerade zwölf zur gleichen Zeit, wie du sie zumindest am Strand gehört haben musst, denke ich: Nun, sie spielen gerade mein Stück. ...Wenn ich in das Haus irgendeines Freundes kam, haben sie aus Rücksicht, weisst du, auf meinen Geschmack, wenn sie mich kommen sahen, das Radio einfach abgestellt, oder sogar eine Schallplatte, die zufällig gerade lief. Jetzt tun sie das nicht mehr. Sie wissen, dass ich denke, ich hätte das alles komponiert".


Stefan Wolpe wuchs in Berlin auf und fand ein künstlerisch reiches Umfeld mit dem Komponisten Ferruccio Busoni und Künstlern der Berliner Dada-Gruppe sowie des Weimarer Bauhauses vor. Der engagierte Kommunist und Jude musste nach 1933 Deutschland verlassen, gelangte über verschiedene europäische Stationen zunächst nach Palästina, wo seine radikalen musikalischen Ideen keinen fruchtbaren Boden fanden, und emigrierte 1938 schließlich in die USA, wo er zu einem einflussreichen Lehrer und Mentor für viele Komponisten und Interpreten wurde. Zu seinen Schülern gehörten u.a. Morton Feldman und David Tudor. In Wolpes Werk finden sich Anregungen durch die Zweite Wiener Schule, Elemente des Jazz und der jüdischen Folklore und später auch serielle Organisationsformen. Viele seiner Werke tragen lediglich den Titel Musik für... oder bezeichnen die Kompositionstechnik (Studie im Hexachord).
Stefan Wolpes „Music for Any Instruments" ist ein Reservoir musikalischen Materials, das immer wieder profilierte Komponisten der Gegenwart zu Adaptionen, Stellungnahmen und eigenständigen Werken inspiriert hat. Der Komponist und ascolta-Posaunist Andrew Digby hat für ascolta einen neuen Beitrag in dieser Reihe komponiert.

Als Conlon Nancarrow 1997 in Mexico starb, hatten seine Werke gerade erstmals in Europa eine gewisse Resonanz erfahren - besonders durch die entschiedene Fürsprache György Ligetis, der nach eigenen Angaben durch Nancarrows polymetrische Studies for Player Piano entscheidende Impulse gewonnen hatte. Der junge, kommunistisch-engagierte Komponist hatte sich freiwillig gemeldet, um im spanischen Bürgerkrieg gegen das faschistische Regime zu kämpfen. Als er in die USA zurückkehrte, war er dort zur „unerwünschten Person" geworden und zur Auswanderung nach Mexico gezwungen, wo er vereinsamt bis zu seinem Tod lebte. Vom Musikbetrieb mit seinen Probenpraktiken enttäuscht, wandte er sich der Komposition automatisch abspielbarer Werke zu: Er entwickelte sein Player Piano, in dem die Musik über eine gestanzte Notenrolle abgespielt wurde. Auf diese Weise konnte er jedes Tempo, jede komplexe Struktur und jede polymetrische Überlagerung komponieren, ohne Rücksicht auf die menschliche Hand, das menschliche Fassungsvermögen oder eine kammermusikalische Koordination nehmen zu müssen. Zu seiner Kompositionsweise bemerkte er einmal: "Wenn man einen Kanon benutzt, wiederholt man die gleiche Melodie. Deshalb braucht man darüber nicht mehr nachzudenken und man kann sich auf die temporalen Aspekte konzentrieren. Man vereinfacht das melodische Element und man kann den Tempoverhältnissen besser folgen.

Ein Grund für meine Arbeit mit Player Pianos war mein Interesse an dissonanten Geschwindigkeitsverhältnissen. Temporale Dissonanz ist fast so schwer zu definieren wie tonale Dissonanz. Ich würde ein Geschwindigkeitsverhältnis von 1 zu 2 nicht als dissonant definieren, würde aber ein Verhältnis von 2 zu 3 als mäßig dissonant bezeichnen; und weiter und weiter bis zum Extrem der irrationalen Geschwindigkeiten. Die Komposition mit zwei Stimmen im Verhältnis 2 zu Wurzel 2 ist wahrscheinlich die dissonanteste von allen, weil sie aus zwei Stimmen besteht, die niemals zusammenfinden..."

In den Arrangements des ascolta-Gitarristen Hubert Steiner nutzt das Ensemble bei der Aufführung bis zu drei verschiedene Clicktracks, um die rhythmischen Verhältnisse möglichst präzise darzustellen.

Jahrzehnte nach Wolpe zeigte Christian Wolff mit seinen radikal freiheitsliebenden Kammermusik-Modellen eine liberale Auffassung vom Miteinander der Individuen und der individuellen Vielfalt des Kollektivs. Christian Wolff, Sohn des ersten Kafka-Verlegers Kurt Wolff, wurde in Frankreich geboren, wuchs aber in den USA auf, wo er bereits als 16-Jähriger John Cage und seinen Kreis mit Komponisten wie Earl Brown, Morton Feldman und Malern wie Robert Rauschenberg oder Mark Rothko kennen lernte, mit denen er fortan eng zusammenarbeitete. Er studierte und lehrte Altphilologie und engagierte sich immer wieder auch politisch.
In seinen Exercises experimentiert Wolff mit alternativen Modellen der musikalischen Kommunikation: Die Noten sind nicht in festgelegten Schlüsseln notiert - jeder Musiker wählt eine absolute Tonhöhe, die dem Instrument und dem Spieler gemäß ist. Und es gibt keine exakte rhythmisch-metrische Fixierung- man spielt in der Gruppe, wie wenn man auf eine gemeinsame Bergwanderung ginge: Jeder folgt dem eigenen Tempo, trägt aber auch Verantwortung für das Ganze, gesellt sich mal zu diesem, mal zu jenem Partner. Wenn ein Spieler einen Geschwindigkeitsrekord aufstellen will, ist das erlaubt - er wird aber den Weg alleine zurücklegen und am Ende warten müssen. Wenn jemand jeden Ton auskosten möchte, wird er am Ende lange alleine spielen, während die Gruppe bereits am Ziel ist. So ist die alte kontrapunktische Technik der Überlagerung von gleichen Stimmen transformiert in ein frei atmendes, individuelles Zusammenspiel von Stimmen in Tempoimprovisation.

Steve Reich gehört zu den bekanntesten lebenden Künstlern der USA. Seine musikalische Ausbildung verlief nicht sehr glücklich, und so zog der junge Komponist große Energien aus der Ablehnung des akademischen, abendländisch geprägten und institutionell gebundenen Umfeldes. Fasziniert von afrikanischen Improvisationspraktiken und der Jazzmusik etwa John Coltranes, beginnt er, mit kleinsten Tonfolgen, Samples oder Patterns, zu arbeiten, die sich ständig wiederholen. In zunächst elektronischen Kompositionen verschiebt er diese Samples gegeneinander (Phasing), womit die Technik einer Vielzahl auch instrumentaler Stücke gefunden war. Wiederholung und gegenseitige Verschiebung, kleinste Variation und schleichende Veränderung von immer Gleichem sind die Elemente, die Reichs Schaffen bis heute bestimmen. Das Faszinosum von Reichs minimal music ist allerdings nicht ausschließlich über ihre Machart, sondern über ihre Wirkung zu begreifen: Es stellt sich über die suggestive Rhythmik und die ständige Wiederholung ein tranceartiges Hören und körperliches Erleben ein, was Reichs Musik eine weltweite Fangemeinde und Einfluss in der Pop-, Techno- und Hiphop-Szene sichert.

Kurt Weills Name ist im deutschsprachigen Raum untrennbar mit Bertolt Brecht verbunden. Die Musik zur „Dreigroschenoper" oder „Mahagonny" sind auch einem breiteren Publikum bekannt. Die Zusammenarbeit mit dem Dichter begann der u.a. bei Ferruccio Busoni ausgebildete Komponist nach ersten Opern- und Bühnenerfahrungen 1928. Nach der Machtergreifung durch die Nationalsozialisten in Deutschland 1933 flüchtete Weill zunächst nach Paris, in Deutschland fielen seine Werke der Bücherverbrennung zum Opfer. 1935 emigrierte Weill in die USA, wo er in den 1940er Jahren großen Erfolg am Broadway mit verschiedenen Musicals hatte. Immer wieder arbeitete er europäische Einflüsse in seine populären, von Tanz- und Swing-Musik inspirierten Werke ein. Am 3. April 1950 starb Kurt Weill an einem Herzinfarkt in New York, mitten in der Arbeit an einem Musical nach Mark Twains „Huckleberry Finn".

Als Weill 1947 vom Magazin Life als deutscher Komponist bezeichnet wurde, protestierte er in einem öffentlichen Brief: „Obgleich ich in Deutschland geboren bin, bezeichne ich mich nicht als ‚deutschen Komponisten‘. Die Nazis haben mich eindeutig nicht als solchen bezeichnet, und ich verließ ihr Land 1933 ... Ich bin amerikanischer Staatsbürger, während meiner zwölf Jahre in diesem Land habe ich ausschließlich für die amerikanische Bühne komponiert..."

Es ist wenig bekannt, dass beispielsweise Jazz-Standards wie Speak Low oder September Song sowie der französische Tango Youkali aus Weills Feder stammen. Interpreten wie Louis Armstrong, Ella Fitzgerald, Frank Sinatra oder auch Nick Cave, The Doors u.a. haben Songs von Weill interpretiert und adaptiert. Langston Hughes, der schwarze amerikanische Dichter, der die Songtexte für „Street Scene" schrieb, sagte einmal über Weill: „Wäre er in Indien eingewandert und nicht in die Vereinigten Staaten von Amerika, hätte er, wie ich fest glaube, wundervolle indische Musik geschrieben (...). Darum kann Deutschland Weill als Deutschen, Frankreich ihn als Franzosen, Amerika ihn als Amerikaner und ich ihn als Schwarzen ausgeben."


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