Dialogue Experiment


Das Ensemble ascolta hat mit der international renommierten, aus Israel stammenden Komponistin Chaya Czernowin ein Konzept für ein innovatives, abendfüllendes Projekt entwickelt, das in den Jahren 2006-2008 durchgeführt wurde und in der Saison 2008/09 an mehreren Orten in Deutschland und Österreich zur Aufführung gelangte. Beteiligt sind auf der einen Seite sieben Komponisten aus Kalifornien und auf der anderen Seite sieben Musiker aus Deutschland, die Mitglieder des Ensembles ascolta.


Der Prozess des Komponierens geschieht in drei Etappen, dialogisch in vielfältiger Hinsicht, nicht unähnlich einer kammermusikalischen Arbeitsweise, die den ausführenden Musikern des Ensembles eigen ist:


1. In einem ersten Schritt macht jeder der beteiligten Komponisten - Chaya Czernowin, Ming Tsao, Chris Mercer, Michelle Lou, Peter Edwards, Rick Burkhardt und Rob Wannamaker - eine eigenständige Äußerung, eine Setzung in Form eines etwa acht Minuten langen quasi autonomen Werkes, das später Grundlage eines Dialogs wird. Mit diesem Werk „spricht“ er quasi zu den anderen.


2. Durch die prinzipielle Offenheit des Materials wird dann eine erste Dialogschicht eröffnet: Aus den Werken wird kompositorisches Material extrahiert, das in einer Phase der Kollektiv-Komposition miteinander zu sprechen, zu streiten, zusammenzukommen beginnt. Es entstehen „Territorien" im Ablauf des Werks, die allen Komponisten gemeinsam gehören.


3. In einem dritten Schritt kommen die ausführenden Instrumentalisten zu Wort. Ihnen wird das Material teilweise überlassen — die Ausführung wird Teil der Komposition. Die Kommunikation von Klängen ist in bestimmten, hierfür vorgesehenen Bereichen vollständig der mitschöpfenden Realisierung anheim gestellt. Die endgültige Form des Projekts entsteht dann in einem Dialog zwischen der Komponistengruppe bzw. ihrem Material auf der einen Seite und den Musikern des Ensemble ascolta auf der anderen. Hierfür gibt eine längere Endprobenphase, in der die Komponisten und die Musiker in Klausur gehen.


Das Ergebnis sprengt die traditionelle Bühnensituation — es ist kein Musiktheater im herkömmlichen Sinne, es hat keine Handlung. Es handelt sich vielmehr um ein Hörtheater, ein „teatro dell’ascoltare“ mit dem Ensemble ascolta. Die Instrumentalisten sind Protagonisten und Mit-Komponisten zugleich.


Die Rollen im beschriebenen Dialog sind dabei vielfältig gebrochen: Nicht nur gibt es Überschneidungen von Nationalitäten und Zugehörigkeit zu Kulturkreisen in den Gruppen. Im Ensemble ascolta spielen Komponisten-Interpreten, die mit den Interpreten-Komponisten der kalifornischen Gruppe in einen vielschichtigen Dialog treten. Ein weiteres Feld der Verständigung ist das Instrumentarium: Auf der einen Seite schafft mindestens einer der Komponisten stets ein eigenes Instrumentarium für jedes seiner Werke, auf der anderen Seite steht das Engagement im Bereich der Instrumentenentwicklung bei den Musikern von ascolta.


In künstlerischer Hinsicht betritt das Projekt mit seiner radikalen dialogischen Struktur Neuland. Dabei wird ein klingender Beitrag zum Diskurs über den Werkcharakter von Kunst, zu Fragen des künstlerischen Grenzgangs und der künstlerischen Rollen- und Arbeitsteilung entstehen. Es ist der Versuch, den Komplex " Kollektivkomposition" auf eine neue Ebene zu bringen.


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