Vermittlung Neuer Musik


ascolta Vermittlungskonzept


Bausteine für die Vermittlung Neuer Musik


Im Bemühen, Neue Musik, ihre Sprachen, ihre Vokabularien, ihre Gesten, ihr Material, ihre Aussagen und ihre Anliegen für nicht Eingeweihte aller Altersstufen begreiflich zu machen, konzentriert man sich landläufig meist (und oft gezwungenermaßen) auf die Grundlagen: Auf das Öffnen von Ohren, auf das Bewusstmachen von Geräuschen und Klängen, die den Alltag bestimmen und doch „Musik“ sein können, auf den Abbau von Vorurteilen durch eine Erweiterung des Musikbegriffs, u.a. in Richtung des Alltäglichen und Geräuschhaften. Die unmittelbare Musizierlust soll dabei ebenso gefördert werden wie das Erleben der Gestualität, des Klanglichen, etc.


Viel schwieriger erscheint es, an die Kunstwerke der zeitgenössischen Hochkultur selbst heranzuführen. Jemand, der sich bereitwillig in oben beschriebener Weise der Neuen Musik gegenüber geöffnet hat, wird doch in Konzerten der einschlägigen Festivals feststellen müssen, dass die Brücke, die ihm gewiesen worden ist, nicht ausreichend lang gewesen ist: Er wird befremdet auf das merkwürdige Kunstwerk sehen. Um dieses Phänomen und die fruchtbare Auseinandersetzung damit kann es in den Vermittlungsbemühungen durchaus auch gehen. Es ist dann nicht unbedingt nötig, die Werke Neuer Musik rest- und widerspruchslos zu entschlüsseln, sondern sie erst einmal staunend zur Kenntnis zu nehmen:

Jemand sagte: „Was bemüht ihr euch um den Homer? Ihr versteht ihn doch nicht.“ Darauf antwortet’ ich: Versteh’ ich doch auch Sonne, Mond und Sterne nicht; aber sie gehen über meinem Haupt hin, und ich erkenne mich in ihnen, indem ich sie sehe und ihren regelmäßigen, wunderbaren Gang betrachte, und denke dabei, ob auch wohl etwas aus mir werden könnte. (Johann Wolfgang v. Goethe)


Die Erfahrung von Komplexität und von Unentwirrbarkeit jeder Art, von Gleichzeitigkeit unterschiedlicher, sich gegenseitig scheinbar ausschließender Dinge, von Paradoxien etc. prägt das moderne Leben ebenso wie die menschliche Suche nach Regeln oder nach Sinnhaftem in diesen selben Komplexen. Insofern ist die Auseinandersetzung mit hermetischen, nicht leicht konsumierbaren Kunstwerken eben nicht nur eine intellektuelle Herausforderung. ascolta wird versuchen, in diesem Bereich zu vermitteln: Indem die Musiker viele der brennenden Fragen sich selbst seit Jahren stellen, diskutieren und zu beantworten suchen, wollen sie dem Publikum nicht vorgaukeln, dass ein „Verständnis“ von hervorragender Neuer Kunst ein Kinderspiel sei. Aber vielleicht ergeben sich gerade so viele persönliche Zugangswege zu vielen rätselhaften Phänomenen und künstlerischen Äußerungen.


Projektvorschläge:


The Dialogue Experiment
Vor dem Hintergrund eines größeren Projekts, das ascolta mit einer internationalen Komponistengruppe um Chaya Czernowin entwickelt hat (UA Donaueschingen 2008), geht es um Gemeinschaftskompositionen jeder Art: Wie kann ein Kunstwerk von mehreren Komponisten geschaffen werden — welche Kommunikationsmöglichkeiten werden dort reflektiert — welche Regeln sind nötig — auf welches Grundvokabular muss man sich verständigen — wie können sich Individualität und soziales Bewusstsein entfalten, wenn man auf ein starkes äußeres, regierendes Prinzip reagiert...Auf unterschiedlichem Niveau kann das Projekt durchführbar sein mit Schulgruppen, aber auch mit Betriebsgruppen, etc.


Interdisziplinäre Arbeiten
Bei der Zusammenarbeit verschiedener Kunstsparten herrscht nicht selten eine eklatante, manchmal auch gewollte Zusammenhanglosigkeit und Beliebigkeit. ascolta will anhand einer Arbeit der irischen Komponistin Jennifer Walshe zeigen, wie sensibel unterschiedlichste Genres (in diesem Fall Comic-Zeichnungen und Neue Musik) aufeinander reagieren können. Walshe setzt mithilfe eines ausgeklügelten Systems von Zeichen und Spielanweisungen Bilder und Aspekte von Comic-Bildern in Klänge. Dabei benutzt sie die Spieler und ihre Phantasie wie einen riesenhaften kreativen Synthesizer. Das Projekt kann ebenfalls durchgeführt werden mit Schulgruppen, aber auch mit Betriebsgruppen, etc.


Instrumentenbau — Schlagzeug
Gute Klänge findet man manchmal, meistens muss man sie jedoch „bauen“. Von den großen Geigenbaumeistern der Vergangenheit wissen wir — wie aber baut man die oft utopischen Klangwelten heutiger Musik zusammen? Die beiden Schlagzeuger von ascolta führen sehr praktisch und handwerklich in die Welt der Klanggewinnung ein. Durchzuführen in Schulklassen, Volkshochschulkursen, Betrieben, etc.


Fluxus — die Bühnensituation
Das klassische Konzert und die Oper rechnen auf eine seit Jahrhunderten relativ starre Bühnensituation, in der nicht wenige eines der Grundübel des heutigen Musikbetriebs und einen der Hauptgründe für die Notwendigkeit aller Vermittlungsbemühungen sehen (was durchaus angezweifelt werden kann). Fluxus-Künstler verschiedener Generationen haben sich mit diesen Bühnensituationen auseinandergesetzt und tatsächlich alle denkbaren Grenzen gesprengt und Tabus verletzt. Eine heutige Beschäftigung mit dieser mittlerweile historischen Kunst stößt ungeahnt viele Gedanken zu Kunstbegriffen, zum Kunstbetrieb, aber auch zum Verhalten in der Gesellschaft und zum Umgang mit deren Normen an. Geeignet für ältere Schulklassen und erwachsene Gruppen jeder Art.


„Hochkultur vermitteln“
Der Alltag der Vermittlungsarbeit könnte in sehr unspektakulären Projekten stecken: Komplexe oder nahezu unverständliche Musik wird behutsam in Schichten offengelegt, das Hören in diesen Kosmen wird angeregt, Assoziationen geweckt, Zugangswege angelegt. Komponisten erzählen spannend und erstaunlich aus ihrer oft wenig nachvollziehbaren Gedankenwelt, Interpreten äußern sich über die Leidenschaft, mit der sie sich dieser Kunst annähern, und mit den Partnern entstehen brisante Diskussionen über alles, was die Kunst selbst bewegt und zusammenhält.


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